Karl Schiller

(1911-1994)

Wenn man einer Person einen Kredit gewährt, dann glaubt man in der Regel daran, dass diese zu einem späteren Zeitpunkt ihre Schulden wieder zurückzahlen wird, im besten Falle mit Zinsen. Dieser einfache und grundlegende Vorgang im Finanzgeschäft ist ein Prozess, bedeutet der lateinische Begriff „credere“ doch „glauben“, der stark von Vermutungen und Hoffnungen und weniger von wirklichen Gewissheiten geprägt ist. Seit dem 20. Jahrhundert ist die Hauptströmung der Finanz- und Wirtschaftstheorie allerdings dazu übergegangen, diesen Prozess aus einem rein mathematischen Blickwinkel heraus zu betrachten, mit der Erwartung, mit den richtigen Parametern und Formeln wirtschaftliche Prozesse exakt vorhersehen und steuern zu können. Andere Komponenten, wie die Psychologie der Marktteilnehmer, soziale Einflüsse und Zufallsentwicklungen, wurden dabei zunehmend außer Acht gelassen. Spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich im Zuge dieser Entwicklung die ökonomische Sichtweise von Milton Friedmann und seiner Chicagoer Schule durch, die vor allem auf die Macht des freien Marktes vertraut und Eingriffe des Staates mit Skepsis gegenübersteht. Es dauerte nicht lange und diese Denkweise fand ihren Eingang in den deutschen Wissenschaftsbetrieb und damit auch in die deutsche Politik. Einer ihrer größten Vertreter war der Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller, der neben Ludwig Erhardt zu den bedeutendsten Wirtschaftspolitikern der Nachkriegszeit gerechnet werden kann.
Geboren am 24. April 1911 im schlesischen Breslau, studierte er ab 1931 Volkswirtschaft und Rechtswissenschaften in Kiel, Frankfurt Main, Berlin und Heidelberg und promovierte in Volkswirtschaften. Im Anschluss begann er eine wissenschaftliche Karriere am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. In dieser Zeit stand er, obwohl bereits seit 1931 Mitglied im Sozialistischen Studentenbund, den neuen braunen Machthabern nahe und trat 1937 in die NSDAP ein sowie in den NS-Rechtswahrerbund und den NS-Dozentenbund. Ab 1941 nahm er als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil, blieb aber politisch weitestgehend unauffällig, so dass seine Parteimitgliedschaft einem beruflichen Opportunismus geschuldet zu sein schien. Nach dem Krieg folgte er bereits 1947 einem Ruf als Professor für Wirtschaftheorie an die Universität Hamburg, die ihn zwischen 1956 und 1958 zu ihrem Rektor ernannte.
Zugleich begann Karl Schiller seine politische Karriere und wurde 1946 in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt und ab 1956 für die SPD in den Deutschen Bundestag. Bereits in Hamburg erkannte und schätze man sein ökonomisches Fachwissen und so war er von 1948 bis 1953 Senator für Wirtschaft und Verkehr, bis ihn der Berliner Bürgermeister Willy Brandt 1961 nach Berlin holte und zum Senator für Wirtschaft ernannte. Fünf Jahre später folgte er Brandt nach Bonn und in das Kabinett der großen Koalition, in dem er als Wirtschaftsminister in Zusammenarbeit mit Finanzminister Josef Strauß große Bekanntheit errang, welche sich auch in den Spitznamen „Plisch und Plum“ wiederspiegelt, die den beiden Ministern von der Öffentlichkeit frei nach Wilhelm Busch zugedacht wurden. Nach dem Wechsel hin zur Sozial-Liberalen Koalition unter Kanzler Brandt wurde Schiller erst Wirtschafts- und dann ab 1971 Wirtschafts- und Finanzminister und damit der erste sogenannte Superminister in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Regierungsübernahme durch die Sozialdemokratie war dabei nicht zu geringen Teilen auch seiner großen Popularität geschuldet, so dass man 1969 von der „Schiller-Wahl“ sprach. Sein Bekanntheitsgrad rührte nicht zuletzt daher, dass er es vermochte, ökonomische Sachgehalte so zu vermitteln, dass sie auch großen Teilen der Bevölkerung verständlich wurden und eine Sichtweise entstand, wonach man mit den geeigneten Instrumenten im Stande sei, die Wirtschaft durch Vernunft und Rationalität sicher zu lenken und die Gesellschaft der jungen Bundesrepublik weiter auf dem Kurs von Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu halten. Damit repräsentierte die SPD für viele Wähler eine Aura von Stabilität und Wirtschaftskompetenz, die man bisher vor allem der CDU zugestanden hatte. Es bewahrheitete sich die Annahme, dass in der BRD vor allem jene Parteien in Regierungsverantwortung gewählt werden, denen man die größte Wirtschaftskompetenz zurechnet. Karl Schiller, nicht frei von Eitelkeit und starkem Selbstbewusstsein, war sich dieser Tatsache wohl bewusst und begann zunehmend, die Politik im Kabinett Brandt/Scheel in seinem Sinne zu beeinflussen. Dabei setzte er vor allem auf die gemeinsame Planung von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Politik, die er in der „Konzentrierten Aktion“ an einen Tisch brachte. Immer mehr Parteigenossen erschien er dabei als eine Art kühler Technokrat der Zahlen, der die Hauptlinien der Politik vorgab. Ein Konflikt war unvermeidbar. Spätestens als Teile der Sozialdemokratie den erwirtschafteten Wohlstand dazu nutzen wollten, durch soziale Projekte und Maßnahmen alle Teile der Bevölkerung daran teilhaben zu lassen, kam es zu Konflikten mit Karl Schiller. Er hatte kein Verständnis und Gespür für die Reformen, die Willy Brandt den Deutschen versprochen hatte und warnte davor, über den wirtschaftlichen Verhältnissen zu leben. Für ihn galt weiterhin die Devise: Soviel Staat wie nötig und soviel wirtschaftliche Freiheit wie möglich. Doch diese reine Verwissenschaftlichung von Politik ging nicht auf und schließlich trat Karl Schiller im Juli 1972 frustriert und politisch isoliert von seinem Ministeramt zurück. Sein Nachfolger als Finanzminister wurde Helmut Schmidt. Auch der SPD kehrte Schiller den Rücken und als er gemeinsam mit Ludwig Erhardt eine Anzeige im Sinne der CDU veröffentlichte, schien der endgültig Bruch mit seiner Partei unabwendbar. Sein Freund und politischer Weggefährte Günter Grass schrieb ihm einen offenen Brief in der Frankfurter Rundschau, in dem er seinen ehemaligen Parteifreund auffordert: „Kommen Sie zur Besinnung, Karl Schiller. Ich möchte mich Ihrer nicht bis zur Sprachlosigkeit schämen müssen.“ Doch Karl Schiller schwieg.
In den folgenden Jahren zog er sich aus der Politik zurück, arbeitete in verschiedenen Verwaltungs- und Aufsichtsräten und verfasste wissenschaftliche Aufsätze. Acht Jahre nach seinem Parteiaustritt kam es zu einer neuen Annäherung und 1980 wurde Schiller wieder Mitglied der SPD. Im Folgenden unterstützte er seine alte und neue Partei in Wahlkämpfen und diente ihr als wirtschaftspolitischer Berater. 1992 unterzeichnete er gemeinsam mit 60 weiteren deutschen Wirtschaftswissenschaftlern ein Manifest, dass die Kohlregierung vor der Ratifizierung des Vertrags von Maastricht und damit einer übereiligen Einführung einer Finanz- und Wirtschaftsunion warnte. Die Stichhaltigkeit dieser Warnung sollte sich in unseren Tagen bewahrheiten, in der die Eurokrise die Defizite und Schwachpunkte der gemeinsamen Finanz- und Wirtschaftsunion zu Tage fördert.
Karl Schiller verstarb am 26. Dezember 1994 in Hamburg. Rückblickend war sein Leben durchzogen von ebenso viel Licht wie Schatten. Er war einer der wohl brillantesten Ökonomen, die die deutsche Politik hervorgebracht hat und zugleich verfiel er dem Irrglauben, dass Wirtschaft beherrschbar und planbar sei. Dabei übersah er die Notwendigkeit, dass Politik mehr ist als bloßes Zahlenspiel und Technokratie. In ihr spielen soziale Triebkräfte ebenso eine große Rolle wie unkalkulierbare Prozesse des menschlichen Lebens vom Individuum bis hin zur Gemeinschaft. Eine Erkenntnis wie wir sie in unseren Tagen von Finanz- und Wirtschaftskrise erneut machen können und die dennoch und immer noch im Denken vieler Politiker unberücksichtigt bleibt, die nur auf Haushaltsdisziplin und Sparmaßnahmen als alleiniges Allheilmittel setzen.

Marco Maria Emunds

 

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