Herbert Wehner

(1906-1990)

Das Parlament gilt als die Herzkammer einer jeden repräsentativen Demokratie. Hier werden bzw. sollen die zentralen Entscheidungen gefunden und beschlossen werden. Gleichzeitig dient es der Aussprache, ja im Idealfall der lebhaften Debatte, zwischen den Regierungsparteien und der Opposition. Bei diesen Debatten sind es vor allem die talentierten Redner und in manchem Falle auch schauspielerisch Begabten, die im Sinne ihrer Partei für oder gegen Sachverhalte sprechen. Einer der bekanntesten und begabtesten unter diesen Meistern der Rhetorik war unzweifelhaft Herbert Wehner. Dass er zugleich den einsamen Rekord mit 77 Ordnungsrufen für Zwischenrufe und Ausdrücke wie „Übelkrähe“, „Schleimer“, „Pappkamerad“ und „Dreckschleuder“ hält, tut dem keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.
Geboren am 11. Juli 1906 in Dresden als Sohn eines Schumachers, erlebte er bis zu seinem Tod am 19. Januar 1990 das an Tragödien und Schicksalsstunden so reiche 20. Jahrhundert hautnah mit.
Der junge Herbert Wehner machte zunächst eine Ausbildung im Verwaltungsdienst und besuchte nebenbei Abendschulkurse in Volkswirtschaftslehre, Literatur und Philosophie. 1923 wurde er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend und gab ab 1925 die Zeitschrift „Revolutionäre Tat“ heraus. Geprägt durch die Wirren der Weimarer Republik, trat er 1927 schließlich in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein. Von nun an macht er Politik zum Mittelpunkt seines Lebens, wenn es sein musste auch unter Einsatz des selbigen. Ab 1930 Mitglied des sächsischen Landtages ging Wehner nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in den Untergrund und schloss sich dem Widerstand gegen das NS- Regime an. Immer wieder entkam er in dieser Zeit seiner Verhaftung, bis er 1935 über Prag nach Paris emigrierte. Nach einer kurzen Zeit in der dortigen Auslandsabteilung der KPD wurde Wehner nach Moskau gerufen, wo er bis 1941 als Referent für deutsche Fragen im Sekretariat der Kommunistischen Internationalen tätig war. Dann ging er nach Schweden und bereitete dort den Wiederaufbau der KPD vor, bis ihn die Polizei verhaftete und ihn seine Parteifreunde daraufhin als Verräter brandmarkten und fallen ließen. Nach seiner Haftentlassung 1944 schlug er sich mit einfachen Arbeiten durch und kehrte nach dem Kriegsende in seine Heimat zurück.
Dieses schwierige Kapitel, das ihm sein Wirken als Kommunist in seine persönliche Biografie schrieb, sollte sein gesamtes weiteres Leben prägen. Bis heute liegen Teile dieser Moskauer Periode im Dunkeln und Opfer und Täterrollen sind ungeklärt. Seine spätere Hinwendung zur tiefen Religiosität aber auch sein barscher Umgang mit politischen Attacken, die im diese Lebensphase gezielt zum Vorwurf machten, zeigen, wie schwer Herbert Wehner selber an dieser Erfahrung trug, die tiefe Spuren bei ihm hinterlassen hatte.
Wieder in Deutschland wandte er sich dem Westen zu und trat der Sozialdemokratie bei. Unterstützung fand er beim Parteivorsitzenden Kurt Schumacher, mit dessen Zuspruch er 1949 ein Bundestagsmandat erlangte, das er bis 1983 durchgängig inne hatte. Die Abwendung vom Ideal des Marxismus, die die SPD mit der Verabschiedung des Godesberger Programms vollzog, wurde nicht zuletzt von Herbert Wehner mit durchgesetzt. Mehr und mehr brachte er in dieser Zeit die Sozialdemokratie auf neuen Kurs, nicht selten mit Druck, klarem Durchsetzungsvermögen und notfalls auch gegen parteiinterne Mehrheiten. So hielt er beispielsweise am 30. Juni 1960 eine Rede, in der er sich für seine Partei zur außenpolitischen Westbindung Adenauers bekannte. Durch diesen Schritt, den er zuvor mit niemandem abgesprochen hatte, führte er die SPD aus der außenpolitischen Isolation heraus und hin zur Regierungsverantwortung.
Im Jahre 1966 war es soweit, die SPD übernahm als Juniorpartner in der Großen Koalition erstmals aktiv Regierungsverantwortung in der Geschichte der Bundesrepublik und Herbert Wehner, dem das Zustandekommen dieser Koalition maßgeblich zu verdanken war, wurde Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Ohne ihn wäre die Etablierung der SPD als zweite deutsche Volkspartei womöglich anders und wesentlich langsamer verlaufen.
1969 war es dann geschafft, mit den Stimmen der sozial- liberalen Koalition wurde Willy Brandt als erster Sozialdemokrat zum Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt. Für seine mutige und umstrittene Ostpolitik war er nun auf den sicheren und beständigen Rückhalt innerhalb der Bundestagsfraktion angewiesen und niemand anders als Herbert Wehner schien in dieser Situation besser für das maßgebliche Amt des Fraktionsvorsitzenden geeignet zu sein. Wie gut er dieses Amt beherrschte, wurde spätestens im April 1972 deutlich, als der Versuch der CDU/CSU Fraktion, den Kanzler durch ein Misstrauensvotum zu stürzen, trotz Überläufer aus der Regierungskoalition misslang. Bis heute liegen die genauen Umstände und Abläufe um mögliche Bestechungen nicht zuletzt aus Kreisen der Stasi im Dunkeln und warten auf ihre Aufklärung. Wehner galt danach bei Freund und Gegner als „Zuchtmeister“ oder „Hagen von Tronje der deutschen Sozialdemokratie“, der im Hintergrund für Ruhe und Geschlossenheit sorgte, falls nötig auch mit weniger lauteren Mitteln. Brandts Kanzlerschaft war damit vorerst gesichert. Ob sich Wehner wie sein Namensvetter Hagen von Tronje am Ende schließlich doch noch zum Heldenmörder entwickelte, liegt im Auge des Betrachers. Brandts Rückzug von der Kanzlerschaft im Jahre 1974 hatte mehrere Gründe, sein zunehmend schlechtes Verhältnis zu Herbert Wehner mag einer davon gewesen sein. Doch auch zu Brandts Nachfolger Helmut Schmidt bestand für Wehner keine tiefere Verbindung, die über die politische Zusammenarbeit hinausging. Hinzu kam, dass sich die Bundestagsfraktion Ende der 70er Jahre zunehmend verjüngt hatte und viele der neuen Abgeordneten mehr auf Diskurs setzten als auf strikte Vorgaben der Fraktionsspitze. Dies war jedoch immer weniger die Welt Herbert Wehners, um den es in den letzten Jahren zunehmend stiller wurde, bis er schließlich im Jahre 1983 aus der aktiven Politik ausschied.
Im Rückblick zählt Herbert Wehner weniger zu den großen Sympathieträgern und Charismatikern der deutschen Politik, aber sein Wille und sein Durchhaltevermögen brachten ihm damals wie heute großen Respekt und Bewunderung bei politischen Weggefährten und Gegnern ein. Seine Partei, die deutsche Sozialdemokratie, verdankt ihrem „Onkel Herbert“ den Weg aus der Opposition hin zur etablierten bundesdeutschen Volkspartei. Mag er auch nicht die Stahlkraft eines Willy Brandts besessen haben, so ist er doch, folgt man dem Soziologen Max Weber, für den Politik vor allem das Bohren dicker Bretter darstellt, einer der härtesten und zuverlässigsten „Kärner“, den die SPD je in ihren Reihen hatte.

Marco Maria Emunds

 

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