Antonie Toni Pfülf

(1877-1933)


Toni Pfuelf

Als der Zug der Reichsbahn aus Berlin kommend am frühen Morgen in den Münchener Hauptbahnhof einfährt, findet man in einem Abteil den regungslosen Körper der Sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Toni Pfülf. Wie sich bald herausstellt, hatte sie Schlaftabletten geschluckt und versucht, sich auf diesem Weg das Leben zu nehmen. Sie kann wiederbelebt werden, unternimmt jedoch nur wenige Wochen später, am 8. Juni 1933, erneut einen Selbstmordversuch und stirbt mit 55 Jahren in ihrer Münchener Wohnung. Neben ihr findet man eine selbstverfasste Todesanzeige mit den Worten: „Sie ging mit dem sicheren Wissen von dem Sieg der großen Sache des Proletariats, der sie dienen durfte.“
Geboren wurde Toni Pfülf als Antonie Pfülf am 14. Dezember 1877 als Tochter eines Offiziers im damals deutschen Metz. Sie wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf, die ihr bald jedoch zu eng wurden. Gegen den Willen ihrer Eltern entschied sie sich für eine Berufsausbildung und wurde mit 24 Jahren Lehrerin in München. In dieser Zeit erlebte sie durch ihre Tätigkeit das Elend und die Armut gerade der Arbeiterkinder hautnah mit und trat aus diesen Erfahrungen heraus der SPD bei. Als ihre Eltern davon erfuhren, brachen sie mit ihrer Tochter, die jedoch von ihrem Weg nicht abwich und zur entschiedenen Kämpferin für Bildungs- und Chancengerechtigkeit wurde. Sie erkrankte an Tuberkulose und musste zeitweilig ihren Beruf aufgeben, bevor sie in den beiden letzten Kriegsjahren das Amt der Waisenrätin in München übernahm. Nach dem Krieg wurde sie, die als einzige Frau Mitglied im Münchener Arbeiter- und Soldatenrat war, 1919 für den Wahlkreis Oberbayern in die Verfassungsgebende Nationalversammlung der Weimarer Republik gewählt und danach in den neu konstituierten Reichstag nach Berlin. In ihrer Fraktion setzte sie sich vor allem für die Bildungspolitik ein, die bei weitem noch in den Vorstellungen und Einstellungen der Kaiserzeit verhaftet war. Ihr Hauptanliegen dabei war die Gleichberechtigung – die Gleichberechtigung von Arbeiterkindern in einem auf Leistung und nicht auf Herkunft ausgerichteten Bildungssystem, die Gleichberechtigung unehelicher Kinder und ihrer Mütter vor dem Gesetz und auch die Gleichberechtigung für berufstätige Frauen vor allem im Beamtenwesen ihrer Zeit. Aus diesem Grund stritt sie unter anderem für die Abschaffung von Schulgeld, für die finanzielle Unterstützung für Arbeiterfamilien, denen aufgrund des Schulbesuchs ihrer Kinder finanzieller Ausfall drohte und für die Abschaffung des sogenannten Lehrerinnenzölibats. Letzterer besagte, dass eine Lehrerin ledig sein sollte. Bei Eheschließung verloren Lehrerinnen sowohl ihre Anstellung wie auch ihre Pensionsansprüche. Mag solch eine Regelung, die seit 1880 im Reich galt, heute äußerst seltsam und befremdend wirken, so darf man nicht vergessen, dass sie zwar 1919 auf Betreiben der SPD abgeschafft, aber bald wieder in Kraft gesetzt und z.B. im Dienstrecht des Landes Baden-Württemberg bis 1956 geltend war. Toni Pfülf und ihre Mitstreiterinnen mussten für diese Veränderungen viele Ansichten und Vorurteile in der Gesellschaft aber auch in der eigenen Partei ankämpfen und auch heute noch sind Fragen von Chancen- und Bildungsgerechtigkeit bei weitem aktueller denn je. Frauen wie Toni Pfülf können daher auch uns Nachgeborenen mit ihrer Streitbarkeit und Beharrlichkeit Vorbild und Richtmaß sein.
Ihr größter Kampf begann jedoch mit dem 30. Januar 1933, dem Tag, als Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Von da an begannen die Verfolgungen, Einschüchterungen und Terrormaßnahmen gegen politische Gegner der Nationalsozialisten unter dem Deckmantel der Staatsgewalt eine Brutalität zu entfalten, die man bereits in den Jahren zuvor auf den Straßen hatte erfahren müssen. Vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten gehörten zu den ersten Opfern der neuen Obrigkeit und wurden verfolgt, verhaftet, gefoltert und ermordet. Als dann nach dem Reichstagsbrand der Reichstag am 23. März 1933 über Hitlers Ermächtigungs-gesetz abstimmte, waren nur noch 94 der 120 SPD Reichstagsabgeordneten in Freiheit. Von diesen stimmten jedoch alle geschlossen und entschieden gegen dieses Gesetz, das dann mit den 94 Gegenstimmen der Sozialdemokratie angenommen wurde. Es war der letzte Schlusspunkt der Rechtstaatlichkeit und der Demokratie in Deutschland. Nun regierten das Unrecht und die Diktatur in einem Staat, in dem Toni Pfülf nicht mehr leben wollte. Freunde und Weggefährten versuchten sie zu überreden, den Widerstand aus dem Exil heraus fortzuführen, doch kurz vor ihrem Tod teilte sie dem ehemaligen Reichstagspräsidenten und Freund Paul Löbe mit: „Ich bin nicht der Mensch, der sich versteckt. Ich habe immer offen gekämpft. Aber nun ist das sinnlos geworden. Und den Weg, den Ihr jetzt geht, mag ich nicht mitgehen.“
Am 22. Juni 1933, nur wenige Tage nach ihrem Freitod, wurde ihre Partei, die SPD, von den Nationalsozialisten verboten.

Marco Maria Emunds

 

Koalitionsvertrag

Jülicher Erklärung

Aktuelle Termine

Alle Termine öffnen.

23.04.2018, 18:30 Uhr - 20:30 Uhr OV Sitzung

24.04.2018 - 10.04.2018 Fraktionssitzung
geänderter Termin

08.05.2018 Fraktionssitzung

28.05.2018, 18:30 Uhr - 20:30 Uhr OV Sitzung

05.06.2018 Fraktionssitzung

Alle Termine

Mitglied werden in der SPD

Mit einer Mitgliedschaft in der SPD können Sie sich aktiv für sozialdemokratische Politik einsetzen, und die Kommunalpolitik in Ihrer Stadt mitgestalten. Hier ist unser Aufnahmeantrag zum Download.

Counter

Besucher:541800
Heute:42
Online:2

Die SPD Jülich bei Facebook: